Unser Referent war Herr Volker Abel, der u.a. als AD(H)S-Coach arbeitet und somit über großen Erfahrungsreichtum auf diesem Gebiet verfügt; nicht zuletzt weil er selbst Vater eines ADHS-Kindes ist. In einer abwechslungsreichen Power-Point-Präsentation stellte Herr Abel verschiedene Bereiche der ADHS-Problematik für betroffene Familien vor. Er begann mit dem aufschlussreichen Zitat von Arno Backhaus, dem Verfasser des Buches „ADS-Ach Du Schreck!“: „Ich könnte mir vorstellen, als Gott die Menschen schuf, fiel ihm auf, dass noch das Salz in der Suppe fehlte, daher ließ er sich ADHS einfallen.“ Schon daraus kann man ablesen, dass eine Grundforderung ist, allen Ad(H)S-Kindern mit besonderer Geduld zu begegnen. Geduld soll nicht heißen „besondere Nachsicht“; denn ein extrem wichtiger Punkt in ihrer Erziehung, sowohl im Elternhaus als auch in der Schule, sind klare Regeln und Strukturen. Herr Abel stellte drei Kernbereiche des Problems ADHS vor: a) Gestörte Aufmerksamkeit b) Hyperaktivität c) Impulsivität AD(H)S ist eine Stoffwechselstörung im Gehirn, die von Geburt an besteht. Auch Umwelteinflüsse sind nicht zu vernachlässigen, z.B. die allgemeine Beschleunigung des Lebens, eine hohe Mobilität, die gefordert wird, bei gleichzeitig wenig Bewegung im Schul- und Arbeitsleben, hoher Fernseh-, Video-, Playstation-Konsum. Diese Umweltfaktoren produzieren nicht ADHS, aber sie können die Störung wesentlich beeinflussen, ebenso wie ungesunde Ernährung, z:B. häufige Verwendung von Fertig- bzw. Convenience-Produkten mit Haltbarmachern. Die Stoffwechselstörung im Gehirn bertifft vor allem den präfrontalen Cortex, auch Frontallappen genannt, welcher zuständig ist für Handlungsplanung, Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit, Sozialverhalten. Gestört ist die Steuerung gegenüber dem limbischen System, welches zuständig ist für unsere Gefühlswelt. In der Pubertät überwiegt die Bedeutung des limbischen Systems. Bei ADHS-Kindern kann das im echten Gefühls-Chaos enden, was eine Medikation mit einem Methylphenidat-Präparat wie Ritalin, Medikinet, Strattera, Concerta notwendig macht, die in den so genannten synaptischen Spalt eingreifen. Solche Medikation darf nur unter strenger Aufsicht des behandelnden Arztes vorgenommen bzw. verändert werden. Auch ein Absetzen des Medikamentes darf nie eigenmächtig erfolgen. Gute Adressen für die medizinische Betreuung sind beispielsweise das Kinderneurologische Zentrum in Mainz, die Rheinhessen-Fachklinik in Alzey sowie natürlich die niedergelassenen Kinder- und Jugendpsychiater. Schon gegen Ende der Kindergartenzeit, besonders im Grundschulalter, kann ADHS von Fachleuten , und nur von diesen, diagnostiziert werden. Besonders problematisch, insbesondere auch im Schulleben kommt das Zusammentreffen von ADHS und Pubertät. Auch im Erwachsenenleben ist ein ADHS-ler auffällig als unpünktlich, schlecht organisiert, verbal impulsiv; er vergisst oder verliert viele Dinge, sein Umgang mit Geld ist problematisch, er wird von anderen als unreif oder egozentrisch wahrgenommen. Er handelt nach dem Grundsatz „erst gemacht, dann gedacht“. Einige typische, eher negative Eigenschaften kann man im Erwachsenenleben auch umbenennen: Quengeligkeit wird zu Durchsetzungsvermögen Sturheit wird zu Beharrlichkeit Vermeidung geistiger Anstrengung wird zu Gelassenheit usw. Als Fazit kann man zusammenfassen: In der Erziehung von AD(H)S-Kindern ist besonders wichtig: Eine Balance von Wärme, Lob, Verständnis einerseits mit Regeln, Strukturen, Konsequenzen andererseits. Dazu ist eine soziale Unterstützung von großer Wichtigkeit, z.B. durch Großeltern, Freunde, Lehrer, Trainer im Sportverein als Entlastung der Eltern. Hilfreiche Strukturen für die Beeinflussung im Verhalten des Kindes (schon vor der Pubertät) können sein: Spaß- und Spielzeiten konsequent sein (positiv wie negativ) richtig Anweisungen geben Lernprinzipien Selbstinstruktionstraining Einigkeit in der Erziehung Management der Zeit / Arbeit Umgang mit Geld Medikation Nicht zu vernachlässigen ist auch die Tatsache, dass ADHS-Kinder in der Regel einen überdurchschnittlich hohen IQ haben, oft künstlerisch sehr begabt sind, allerdings durch zahlreiche Frustrationserlebnisse oft den Spaß am Lernen früh verlieren, sogar depressiv werden, nicht selten sogar in die Sonderschule überwesen wurden. Das Schlusswort lautete: „ADHS-Kinder sind wie Diamanten, man muss sie mit Fassung tragen. Irgendwann wird der Rohdiamant geschliffen sein und um so mehr glänzen.“ In der anschließenden Frage- und Diskussionsrunde bestand Gelegenheit zum Austausch. Außerdem wurde auch auf den Verein ADS Mainz hingewiesen, eine Selbsthilfegruppe für betroffene Eltern, die Gesprächskreise und Seminare anbietet. Renate Bischel |